Kariesläsionen und ihre erste restaurative Behandlung

Adopted by the FDI General Assembly September, 2019 in San Francisco, United States
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Kontext

Im Jahre 2016 hat die FDI eine überarbeitete Version der Stellungnahme „Minimalinvasive Zahnheilkunde (MID) bei der Behandlung von Zahnkaries“ (2002) angenommen, in der es heißt, dass „eine operative (chirurgische) Vorgehensweise nur bei besonderer Indikation gewählt werden soll, z. B. wenn es die Kavitation der Oberfläche nicht erlaubt, die Läsion zum Stillstand zu bringen, oder wenn es ästhetische oder funktionelle Anforderungen gibt1.” Das Ziel war ein Paradigmenwechsel von restaurativen Maßnahmen der Kariesbehandlung zu einer präventiven Zahnmedizin2. Trotz dieser Initiative hat es bisher nur eine geringe Umsetzung in der täglichen klinischen Praxis gegeben.


Geltungsbereich

Die vorliegende Stellungnahme gibt Anleitungen für die Behandlung von Karies in Milchzähnen und bleibenden Zähnen, wobei zwischen dem Konzept, die Karies zum Stillstand zu bringen, sowie dem Konzept einer minimalinvasiven restaurativen Versorgung unterschieden wird.


Definitionen

(siehe ebenfalls ICDAS-System)

Initialkariesläsion: Nicht kavitierte Kariesläsion, die auf Änderungen der Farbe und Textur der Zahnschmelzoberfläche begrenzt ist

Moderate Kariesläsion: Kariesläsion, die auf das äußere Drittel des Dentins begrenzt ist, sowie mikrokavitierte Läsionen

Schwere Kariesläsion: Kariesläsion, die über das äußere Drittel des Dentins hinausgeht, und kavitierte Kariesläsionen

Aktive Kariesläsion: Kariesläsion unter Beobachtung über einen spezifizierten Zeitraum mit Entmineralisierung, d. h. progrediente Läsion

Inaktive Kariesläsion: Kariesläsion ohne weitere Entmineralisierung, d. h. der kariöse Prozess ist an dieser Stelle nicht progredient aufgrund der regelmäßigen Überwachung der Läsion


Grundsätze

Es ist für eine gute Praxis wichtig, dass Patienten eine zweckmäßige Ernährungsberatung erhalten und in einem effektiven Biofilmmanagement unterwiesen werden.

Reduzierung der Entfernung von Gewebe bei der Behandlung von Karies sowohl in Milchzähnen als auch in bleibenden Zähnen, um Zahnsubstanz zu erhalten, die Lebensdauer eines Zahns zu verlängern und negative iatrogene Folgen wie Schmerzen, Angst und Beschädigungen von Nachbarzähnen zu verringern oder zu vermeiden.

Bei der Entscheidung, ob Gewebe entfernt werden muss, sind das Stadium der Läsion, ihre Aktivität, das Kariesrisiko und die ästhetischen Anforderungen des Patienten zu beachten. In den Fällen, in denen eine Gewebeentfernung angezeigt erscheint, sollte nach Möglichkeit ein minimalinvasiver Eingriff erfolgen.


Stellungnahme

Der Weltverband der Zahnärzte FDI unterstützt einen Paradigmenwechsel bei der Behandlung von Karies unter Abkehr von der restaurativen Behandlung zugunsten von Maßnahmen, die die Kariesentwicklung zum Stillstand bringen und verhindern bei gleichzeitiger Beobachtung und Anwendung der Konzepte des Internationalen Klassifizierungs- und Managementsystems für Karies(ICCMS™).2

Eine Initialkariesläsion sollte durch den Einsatz topischer Fluoride behandelt werden, wobei die weitere Progression zu beobachten ist. Eine weitere Option ist die Versiegelung von Fissuren bei okklusalen Läsionen, dies kann auch die Kariesinfiltration proximaler Läsionen des äußeren Dentindrittels beinhalten3. Bei Patienten mit mangelnder Kooperationsfähigkeit kann eine Behandlung mit Silberdiaminfluorid eine vorübergehende Alternative sein3-5. Eine Nachbeobachtung ist auf jeden Fall erforderlich.

Im Falle einer fortschreitenden Kavitation im tiefen Dentin sollte eine restaurative Behandlung mit minimalinvasiver Technik und selektiver Kariesentfernung in Betracht gezogen werden.

Alle Behandlungen sind ebenfalls durch eine Kontrolle des Biofilms und die Verwendung topischer Fluoride zu ergänzen, zusätzlich ist der Patient aufzuklären und zur Nachbeobachtung zu bestellen.

Die klinische Diagnose der Aktivität der Kariesläsion sollte die Lokalisation der Läsion, das Aussehen der Oberfläche und eine sorgfältige taktile Beurteilung sowie eine Überprüfung der Zahnfleischgesundheit beinhalten.

Art und Ausmaß der Interventionen werden vom individuellen Risikoprofil des Patienten bestimmt4,5.

Initialkariesläsionen sowie moderat aktive oder inaktive Kariesläsionen erfordern in den folgenden Situationen im Normalfall keine Gewebeentfernung:

  • okklusale Fläche: auf den Zahnschmelz beschränkte Fissurenkaries;
  • proximale Fläche: nicht-kavitierte Kariesläsion, beschränkt auf den Zahnschmelz und das äußere Dentindrittel;
  • glatte Fläche: nicht kavitierte Kariesläsion, die auf das äußere Drittel des Dentins beschränkt ist, sowie mikrokavitierte Läsionen.

Moderate bis schwere Kariesläsionen erfordern in den folgenden Situationen keine Gewebeentfernung:

  • proximale Fläche: kavitierte Läsionen im Zahnschmelz, wenn kein Zahn und keine Prothese Kontakt mit der Läsion hat;
  • glatte Fläche: kavitierte Läsionen im Zahnschmelz oder im Dentin, wenn es keine ästhetischen Auswirkungen gibt oder eine Prothesenklammer die Läsion berührt.

Moderate bis schwere aktive Kariesläsionen erfordern in den folgenden Situationen eine minimalinvasive Gewebeentfernung:

  • okklusale Fläche: kariöse Läsionen im Dentin;
  • proximale Fläche: kavitierte Läsionen im Zahnschmelz und im Dentin;
  • glatte Fläche: kavitierte Läsionen im Dentin.

Im Rahmen der Einschränkung der Amalgamverwendung empfiehlt die FDI-Stellungnahme von 2018 den reduzierten Einsatz von bzw. den Verzicht auf Amalgam bei Läsionen, für deren Behandlung sich auch andere Restuarationsmaterialien eignen. Das gilt besonders füpr die erste restaurative Behandlung von Läsionen.

Als Restaurationsmaterialien für Milchzähne kommen in Frage

  • hochviskose oder kunststoffverstärkte Glasionomerzemente für einflächige und kleinere mehrflächige Kavitäten und bei atraumatischer restaurativer Behandlung (Handinstrumente und Glasinonomerzement)6
  • Komposit-Restaurationen für größere Kavitäten, wenn eine Feuchtigkeitskontrolle möglich ist
  • vorgefertigte Kronen (Stahl oder Polycarbonat usw.) für große Kavitäten in stark zerstörten Zähnen (einschließlich Hall-Technik).

Als Restaurationsmaterialien für bleibende Zähne kommen in Frage

  • Füllungsmaterialien auf Kunststoffbasis
  • hochviskose Glasionomerzemente oder Glashybrid für einflächige Kavitäten und kleine Klasse-II-Kavitäten ohne hohe Belastung
  • Inlays/Onlays aus Gold, Keramik und Kunststoff für stärker zerstörte Zähne
  • Vollverkronung aus Metall, Keramik oder Metall-Keramik für stark zerstörte Zähne

Disclaimer

Die Informationen in dieser Stellungnahme basieren jeweils auf dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand. Sie können so ausgelegt werden, dass sie existierende kulturelle Sensibilitäten und sozioökonomische Zwänge widerspiegeln.


Literaturhinweise

  1. FDI Weltverband der Zahnärzte. FDI-Stellungnahme – Minimalinvasive Zahnheilkunde bei der Behandlung von Zahnkaries, 2002 (http://www.fdiworldental.org/media/11275/Minimal-intervention-in-the-man...). Int. Dent. J. 2017 Feb;67(1):6-7. doi: 10.1111/idj.12308. FDI World Dental Federation.FDI-Stellungnahme zu minimal-invasiver Zahnheilkunde (MID) bei der Behandlung von Zahnkaries: Angenommen von der Vollversammlung September 2916 in Poznan, Polen.
  2. Pitts N, Zero D. White Paper on Dental Caries Prevention and Management. A summary of the current evidence and the key issues in controlling this preventable disease, 2016. Available from https://www.fdiworlddental.org/sites/default/files/media/documents/2016-....
  3. Schwendicke F, Splieth C, Breschi L, Banerjee A, Fontana M, Paris S, Burrow MF, Crombie F, Page LF, Gatón-Hernández P, Giacaman R, Gugnani N, Hickel R, Jordan RA, Leal S, Lo E, Tassery H, Thomson WM, Manton DJ, 2019. When to intervene in the caries process? An expert Delphi consensus statement. Clinical Oral Investigations. doi: 10.1007/s00784-019-03058-w.
  4. O. Urquhart, M.P. Tampi, L. Pilcher, R.L. Slayton, M.W.B. Araujo, M. Fontana, S. Guzmán-Armstrong, M.M. Nascimento, B.B. Nový, N. Tinanoff, R.J. Weyant, M.S. Wolff, D.A. Young, D.T. Zero, R. Brignardello-Petersen, L. Banfield, A. Parikh, G. Joshi, and A. Carrasco-Labra, 2017. Nonrestorative Treatments for Caries: Systematic Review and Network Meta-analysis. Journal of Dental Research, Vol. 98(1) 14–26
  5. Slayton RL, Urquhart O, Araujo MWB, Fontana M, Guzmán-Armstrong S, Nascimento MM, Nový BB, Tinanoff N, Weyant RJ, Wolff MS, Young DA, Zero DT, Tampi MP, Pilcher L, Banfield L, Carrasco-Labra A, 2018. Evidence-based clinical practice guideline on nonrestorative treatments for carious lesions: A report from the American Dental Association. Journal of the American Dental Association.;149(10):837-849
  6. Frencken JE. Atraumatic restorative treatment and minimal intervention dentistry, 2018. British Dental Journal; 223:183-189
Science Committee

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